Empfehlungen zur Impfung gegen SARS-CoV-2 Was bei Patienten unter immunmodulierender Therapie beachtet werden muss

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Die Impfungen gegen SARS-CoV-2 haben begonnen. Was muss bei Patientinnen und Patienten mit chronisch-entzündlichen Hauterkrankungen wie Neurodermitis (Atopischer Dermatitis) oder Schuppenflechte (Psoriasis) beachtet werden, insbesondere wenn sie unter einer immunmodulierenden oder immunsupprimierenden Therapie stehen? BVDD-Vorstandsmitglied Dr. Ralph von Kiedrowski hat dazu folgende Stellungnahme abgegeben.

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Seit Beginn der weltweiten Corona-Pandemie steht das Thema „Impfung“ bei unseren Patientinnen und Patienten mit chronisch-entzündlichen Hauterkrankungen wie Neurodermitis (Atopischer Dermatitis) oder Schuppenflechte (Psoriasis) wieder sehr im Mittelpunkt, vor allem, wenn die Betroffenen unter einer immunmodulierenden oder immunsupprimierenden Therapie stehen. Dies bezieht sich ganz allgemein auf Impfungen gegen Influenza (Grippe-Schutzimpfung) oder Pneumokokken und aktuell natürlich auf eine Impfung gegen SARS-CoV-2, den Auslöser der COVID-19-Erkrankung.

Für die betroffenen Patientinnen und Patienten, aber auch die behandelnden hautärztlichen Kolleginnen und Kollegen, ist nachfolgende Positionierung und Empfehlung gedacht; sie soll Ängste und Sorgen nehmen und drängende Fragen beantworten sowie die allgemeine Impfbereitschaft fördern:

  1. Unverändert gilt die Empfehlung, dass Patienten mit chronisch-entzündlichen Hauterkrankungen, ohne und mit immunmodulierender oder immunsupprimierender Therapie, einen ausreichenden Impfschutz gemäß den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) des Robert-Koch-Instituts (RKI) haben sollten. Dieser Impfschutz sollte nach Möglichkeit vor Therapiebeginn komplettiert sein, kann mit Totimpfstoffen aber auch unter Therapie vervollständigt oder eingeleitet werden.
  2. Dies gilt im Besonderen für die Pneumokokken-Impfung, sowie die jährliche Influenzaschutzimpfung, denn die Erkrankungen können sehr schwer verlaufen und häufig kommt es zu sogenannten Sekundärinfektionen, also weiteren bakteriellen Atemwegsinfektionen, die sich auf die Influenza obendrauf setzen können. Da sich Influenzaviren ständig verändern, gibt es jedes Jahr einen neuen (Vierfach)-Impfstoff. Neben dem Schutz vor der eigentlichen Infektion gibt es auch Hinweise darauf, dass Personen, die gegen Influenza geimpft wurden, ein geringeres Risiko aufweisen, sich mit SARS-CoV-2 zu infizieren als nicht gegen Influenza-Geimpfte.
  3. Durch die europäische Zulassung eines ersten SARS-CoV-2-Impfstoffes (Biontech/Pfizer) am 21. Dezember 2020 wurden noch im Dezember die Corona-Impfungen bundesweit gestartet. Die nächste Zulassung erfolgte am 6. Januar 2021 (Moderna) und auch ein erster Vektor-Impfstoff (Astra-Zeneca) könnte schon Ende Januar das Zulassungsverfahren durchlaufen haben. Im Rahmen von umfangreichen Zulassungsstudien aller Impfstoff-Kandidaten wurden zwar bereits mehrere zehntausend Personen kontrolliert geimpft – deutlich mehr, als für jeden Impfstoff bislang erforderlich gewesen war –, aber natürlich können noch keine Daten zur Sicherheit und Wirksamkeit bei Personen mit chronisch-entzündlichen Hauterkrankungen beziehungsweise Patienten unter immunmodulierender/immunsuppressiver Therapie vorliegen.
  4. Es gelten also die bekannten allgemeinen wissenschaftlichen Erkenntnisse: Totimpfstoffe sind für Patienten mit chronisch-entzündlichen Dermatosen und unter immunmodulierender/immunsuppressiver Therapie uneingeschränkt geeignet und einsetzbar. Klassische Totimpfstoffe sind Vakzine auf der Grundlage adjuvantierter Proteine. Auch Vakzine auf der Grundlage nicht-replizierbarer Vektoren (Astra-Zeneca) sowie Vakzine auf der Grundlage von mRNA-Technologie (Biontech-Pfizer, Moderna) sind als Totimpfstoffe anzusehen und dürften daher für Patientenpopulation in dermatologischen Praxen keine Gefahr darstellen.
  5. Ein mRNA-Impfstoff stellt keine Lebendimpfung dar. Es handelt sich auch nicht um eine „Gentherapie“. Eine mRNA (messenger = Boten-RNA) beeinflusst oder verändert nicht die menschliche DNA (Genom), sondert liefert nur eine Art „Bauanleitung“ für Virusbestandteile (Oberflächenproteine, zum Beispiel Spike-Protein). Der geimpfte Mensch kann so vorübergehend selbst Virusprotein-Teile produzieren (aber kein komplettes Virus!), gegen die das eigene Immunsystem dann schützende Antikörper bilden kann. Somit stellt ein mRNA-Impfstoff wie andere Totimpfstoffe keine Kontraindikation für Patienten unter einer immunmodulierenden/immunsuppressiven Therapie dar.
    Ein Vektor-Impfstoff, bei dem für Menschen nicht pathogene und nicht vermehrungsfähige Affen-Adenoviren das Spike-Protein an der Oberfläche exprimieren und so dem Immunsystem zugänglich machen, stellt ebenfalls keinen Lebendimpfstoff dar. Theoretisch können bei dieser Impfstoff-Art aber bei der zweiten Dosis Immunreaktionen (als Nebenwirkung) gegen das Trägervirus auftreten oder die Impfreaktion vermindert werden. Diese potentielle Immunogenität stellt den wesentlichsten Unterschied zu den mRNA-Varianten dar.
  6. Aus grundsätzlichen Erwägungen sollte die Immunsuppression für eine ausreichende Impfantwort (Bildung schützender Antikörper gegen die Krankheitserreger) so gering wie möglich sein. Immunsuppressive Wirkstoffe spielen bei Patienten mit chronisch entzündlichen Hauterkrankungen eine untergeordnete Rolle (orale Glukokortikosteroide, bedingt Ciclosporin A, langwirksame B-Zell depletierende Substanzen); immunmodulierende Wirkstoffe haben nach derzeitigem Kenntnisstand keine Beeinträchtigung der Impfantwort zur Folge, sodass zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht empfohlen werden kann, eine bestehende immunmodulierende/immunsuppressive Therapie wegen einer – bezüglich SARS-CoV-2 derzeit auch noch nicht allgemein verfügbaren – Impfung zu verändern.
  7. Ganz allgemein sollte beachtet werden: Unter einer laufenden Therapie gilt als Empfehlung, die Impfung in der Mitte eines Behandlungsintervalls zu verabreichen und die Therapie frühestens nach zwei, besser erst nach vier Wochen fortzusetzen. Spezielle Empfehlungen für Therapien, die wöchentlich oder gar (mehrfach) täglich appliziert werden müssen, existieren nicht. Meine persönliche Empfehlung lautet hier, je nach Krankheitsaktivität die Zeiträume nach Impfung auch vor der Impfung gelten zu lassen, also für zwei bis vier Wochen vor der Impfung die Einnahme zu pausieren.
  8. Praxis-Beispiele: Für MTX würde dies bedeuten, dass ein Patient zwei Wochen nach der letzten MTX-Applikation die erste Corona-Impfung und drei Wochen später die zweite Corona-Impfung erhalten kann und nach zwei (oder vier) weiteren Wochen dann die MTX-Therapie fortgeführt wird. MTX wird also sieben- bis neunmal ausgesetzt.
    Biologika-Patienten mit einem vierwöchigen Applikationsintervall können ihre erste Corona-Impfung zwei Wochen nach der letzten Biologikum-Gabe erhalten, drei Wochen später dann die zweite Impfung und weitere zwei bis vier Wochen später erfolgt dann die Fortsetzung der Therapie. Die impfbedingte Therapieunterbrechung beträgt letztlich drei bis fünf Wochen.
    Für Biologika wie Ustekinumab, Risankizumab oder Tildrakizumab mit einem zwölf Wochen-Intervall kann sechs Wochen nach der letzten Therapie-Injektion mit der Corona-Impfung begonnen werden, weitere drei Wochen später würde dann die zweite Schutzimpfung gegeben. Am Injektionsintervall des Biologikums (zwölf Wochen) ändert sich dadurch nichts (zwei Wochen Sicherheitsabstand) oder die Gabe wird um eine Woche nach hinten verschoben (vier Wochenabstand).
  9. In Anbetracht der zum Teil langanhaltenden Wirksamkeit der verschiedenen Substanzen ist nur selten mit einer Verschlechterung der Grunderkrankung zu rechnen.

 

Dr. Ralph von Kiedrowski, 
Mitglied des Vorstands / Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit