Unzureichend behandelte Patienten darf es nicht länger geben

Gesundheitspolitik

Podiumsdiskussion zur Psoriasis: Versorgungsziele auf dem Prüfstand

BERLIN - Eine fachöffentliche Veranstaltung zu den gerade eben verabschiedeten Versorgungszielen zur Psoriasis: das ist der jüngste Schritt auf dem langen Marsch, die Versorgungslage der Betroffenen nachhaltig zu verbessern. Eingeladen hatten der Berufsverband Deutschen Dermatologen, die Deutsche Dermatologische Gesellschaft und das Centrum für Versorgungsforschung In der Dermatologie Gesundheitspolitiker Vertreter der betroffenen Patienten, des Ministeriums und der Krankenkassen.

Zwischen der Discount-Versorgung von Psoriasis-Patienten für durchschnittlich 16 Euro Regelleistungsvolumen beim niedergelassenen Dermatologen und der kostenintensiven Behandlung in der Hautklinik klafft eine „strukturelle Versorgungslücke“. Darauf wies BVDD-Präsident Dr. Michael Reusch bei der Veranstaltung hin, mit der die Veranstalter die Ergebnisse der „Nationalen Psoriasis-Versorgungskonferenz“ erstmals öffentlich machten.


Bei der Veranstaltung unter dem Motto „Versorgungsziele in der Therapie der Psoriasis – Anspruch –Wirklichkeit –Wege zum Ziel“ nutzten neben Reusch auch der Präsident der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft, Prof. Thomas Luger, der Leiter des CV-Derms Prof. Matthias Augustin und der Oberarzt der Frankfurter Hautklinik Dr. Diamant Thaci die Chance, die Politik, die Kassen und die Organe der Selbstverwaltung auf das Dilemma bei der Psoriasis-Versorgung aufmerksam zu machen.


Reusch forderte zur Finanzierung der Psoriasis-Versorgung von Politik und Selbstverwaltung einen „Leuchtturm“: die Dermatologen suchen, so die Botschaft, Partner für einen Versorgungsvertrag, der die neu definierten hohen Standards einer umfassenden Versorgung – und sei es regional begrenzt zumindest versuchsweise – umsetzt.


„Sorry für 16 Euro wird es das nicht gehen“, nahm Reusch Bezug auf die aktuellen Regelkleistungsvolumina in der ambulanten hautärztlichen Versorgung, nachdem er die selbst gesteckten, medizinisch definierten Ziele der Versorgungskonferenz erläutert hatte: hohe Lebensqualität für die Erkrankten, frühzeitige Diagnose von Psoriasis-Arthritis und der mit der Schuppenflechte verbundenen Ko-Morbiditäten sowie eine wirksame, frühzeitige Behandlung auf Facharztniveau schon im Kindesalter.


Den geladenen Gäste zeigten die Vertretern der Fachgruppe auf, was die Dermatologen schon alles aus eigenem Antrieb unternommen haben, um die Versorgungslage ihrer Patienten zu verbessern: etwa die Entwicklung einer S3-Richtlinien, den Aufbau einer dermatologischen Versorgungsforschung am CV-Derm oder auch die Konzeption und Umsetzung einer Studie zur Wirksamkeit der ambulanten Balneo-Phototherapie.


„Wir haben sehr viel gemacht, jetzt wollen wir etwas zurück“, erläuterte Reusch. „Verträge nach 73c und 140 sind wichtig, um Innovationen in das System zu bekommen. Dafür müssen zunächst Insellösung in Kauf genommen werden,“ pflichtete der Chef der TK-Mecklenburg Vorpommern Dr. Volker Möws Reusch bei.


Dr. Bernhard Gibis , Leiter des Dezernats 4 (Verträge) der KBV machte den Veranstaltern Mut. In seinem Haus gebe es ein fertiges Konzept für eine Vertragsinitiative, dass umgesetzt werden könne, wenn denn der politische Wille für eine Besserstellung der Psoriasis-Versorgung vorhanden sei. Damit schnitt Gibis zugleich den wunden Punkt an.


PD Dr. Matthias Perleth vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) – dort zuständig für das Thema "Periodisierung" und Implementierung von versorgerischen Aspekten in die G-BA-Entscheidungen –markierte den Dollpunkt des Widerstands bei möglichen Vertragspartnern: niemand hindere die Fachgruppe ihre eigenen Leitlinien umzusetzen. In der ihm vorliegenden Systematik sei nicht eine ärztlich Leistung aufgeführt, die nicht bereits als GKV-Leistung zugelassen ist.


Von den rund zwei Millionen Betroffenen seien 500.000 als schwere Fälle einzustufen, die eine systemische Therapie benötigen, aber nur ein Bruchteil davon erhalte die Therapie auch, führte DDG-Präsident Prof. Luger aus. Dem Betroffenen werde die Behandlung häufig mit dem zynischen, aber längst widerlegtem Argument „daran stirbst Du nicht“ vorenthalten. „Wir wissen heute, dass entzündliche Hautkrankheiten zu einem 2-3fach höherem Risiko führen, etwa an Herzerkrankungen zu sterben“, hielt Luger dagegen.


Detlev Kunz vom Deutschen Psoriasisbund setzt auf ein partnerschaftliches Miteinander von Hautarzt und Patient in der Therapiefindung. Wesentliche Voraussetzung sei „der informierte Patient“ .

 

In der Diskussion mit den Vertreter der Politik nahm die Frage der Kostendämpfung bei den Arzneimittelausgaben breiten Raum ein. Er sei als Anwalt nicht in der Lage, die Frage fachlich zu klären, "aber elf Milliarden Defizit zwingen zum handeln", sagte Dietrich Monstadt und verwies auf die klaffende Finanzierungslücke in der gesetzlichen Krankenversicherung. „Warum soll die Dermatologie anders behandelt werden als andere Fächer?“ fragte der CDU-Gesundheitsexperte.


Auch die Vertreterinnen der Oppositionsparteien im Gesundheitsausschuss des Deutschen Bundestages bekannten sich zur Notwendigkeit, bei den Arzneimittelausgaben zu sparen. Ob der von Minister Philipp Rösler vorgeschlagene Weg allerdings richtig sei, bezweifelte Dr. Martina Bunge (Die Linke) . „Wir lösen damit nicht das GKV-Finanzproblem und es gibt andere Vorschläge. Die Kosten-Nutzen-Bewertung zum Beispiel ist völlig unterentwickelt.“


BVDD-Präsident Reusch wollte die Probleme der GKV nicht wegdiskutieren: „Jeder sieht die Schwierigkeiten“. Es gelte eine intelligente Lösung für die Optimierung der Versorgung zu finden. Schließlich sei die Dermatologie heute in der Lage, jedem Patienten die individuell optimale Therapie anzubieten, hatte vor ihm bereits Dr. Thaci verdeutlicht. „Ein Versagen wie eine zehn Jahre lang nicht behandelte Psoriasis-Arthritis mit den entsprechenden Folgen darf es nicht mehr geben.“

 

Stichwort: Psoriasis-Versorgungsziele 2015 in Deutschland
BERLIN – Auf zwei nationalen Versorgungskonferenzen hat sich die Fachgruppe der Hautärzte ehrgeizige, verbindliche Ziele zur Verbesserung der Versorgung von Psoriasis-Patienten gesteckt. Mit dem Panel von qualitativ und quantitativ definierten Versorgungszielen, die bis 2015 realisiert werden sollen, kann die Versorgung der zwei Millionen Schuppenflechtekranken in Deutschland entscheidend verbessert werden. Hier die Ziele im Einzelnen.

  1. „Patienten mit Psoriasis haben eine gute Lebensqualität (LQ)
    Für 35 Prozent der Betroffenen stellt die Erkrankung eine schwere bis schwerste Einschränkung der Lebensqualität dar. Vor allem bei auffälligen, stark schuppenden Hautveränderungen in sichtbaren Bereichen wie Gesicht oder Hände fühlen sich viele Erkrankte oft ausgegrenzt. Berufliche und Beziehungsprobleme verstärken den Leidensdruck. Mit dem „Dermatologische Lebensqualitäts-Index (DLQI)“ steht den Fachärzten ein auf Fragebögen basierendes, wissenschaftlich anerkanntes Instrument zur Verfügung, um den subjektiven Faktor messbar zu machen. Es können Gesamtwerte zwischen 0 und 30 erreicht werden. Ein höherer Wert spricht für eine eingeschränkte Lebensqualität. Angestrebt wird daher ein DLQI <5. Die Lebensqualität soll durch leitlinien-gerechte Therapie verbessert werden, dazu soll das Thema in regionalen Netzen und Qualitätszirkel sowie durch intensive Patientenarbeit bearbeitet werden.
  2.  „Psoriasis-Arthritis wird frühzeitig erkannt und behandelt“
    Viel zu oft wird Psoriasis-Arthritis nicht erkannt. „Da haben wir versagt“, räumt Dr. Diamant Thai bei der Präsentation der Ziele selbstkritisch ein. Nach der von Prof. Matthias Augustin erfassten Epidemiologie entwickeln 20 Prozent der Schuppenflechte-Kranken auch eine Arthritis. Mit Hilfe einer zu erstellenden Leitlinie soll diese frühzeitig erkannt werden, zudem soll die Schmerztherapie der Psoriasis Arthritis optimiert werden.
  3. „Komorbidität bei Patienten mit Psoriasis wird frühzeitig erkannt und behandelt“
    Psoriasis-Patienten haben ein zwei- dreifach erhöhtes Risiko, etwa an schweren Herz- Kreislauferkrankungen zu sterben. Besonders das metabolische Syndrom wird vielfach unterschätzt. Oft werde noch als gleichsam gottgegeben hingenommen, dass „der Psoriasis-Patient dick ist, raucht und trinkt“, wie BVDD-Präsident Dr. Michael Reusch ausführte. Dabei sei es genau anders herum: erst erkranke der Mensch an Schuppenflechte, dann entwickele er das metabolische Syndrom. Ziel ist es, die Komorbiditäten frühzeitig zu erkennen, die Patienten über ihre Risiken aufzuklären und die Prävention von Erkrankungen des metabolischen Syndroms zu verbessern.
  4. „Kinder mit Psoriasis werden frühzeitig behandelt und erlangen eine gute Lebensqualität“
    Den epidomologischen Daten des CV-Derm zufolge entwickeln 0,71 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland eine Schuppenflechte. Diese wird aber oft durch eine verzögerte Diagnosestellung durch Nicht-Dermatologen zu spät behandelt, zudem ist die Therapie noch sehr uneinheitlich. Die Dermatologie hat es sich zum Ziel gesetzt, eine Leitlinie speziell für Kinder und Jugendliche zu erstellen. Um auch bei Kindern die Einschränkung der Lebensqualität messbar zu machen, soll zunächst eine Primärstudie zur Messung der Lebensqualität durch geführt werden. Durch die Thematisierung in regionalen Netzen und Quali-Zirkeln soll die Zusammenarbeit mit Haus- und Kinderärzten verbessert werden, so dass eine frühzeitige Diagnose durch den Facharzt erfolgen kann.