Schuppenflechte – selbst schuld?

Gesundheitspolitik

Bundesgesundheitsminister sieht keinen Handlungsbedarf bei der WHO-Deklaration zur Psoriasis

BERLIN - In diesem Jahr erhielt der Welt-Psoriasistag Rückenwind durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO): Um die medizinische und psychosoziale Situation der weltweit rund 125 Millionen Schuppenflechte-Erkrankten zu verbessern, hatte sie ihre Mitgliedsstaaten aufgefordert, mehr zu tun, um die Lebenssituation der Betroffenen zu verbessern. Das Bundesgesundheitsministerium hält eigene Aktivitäten für speziell diese Indikation jedoch für überflüssig, wie auf der Pressekonferenz zum Welt-Psoriasistag 2014 in Berlin zu erfahren war.

„Im Frühjahr hat die Vollversammlung der Weltgesundheitsorganisation WHO einen Beschluss gefasst, der für Menschen mit Schuppenflechte von ganz besonderer Bedeutung ist“, unterstreicht Prof. Ulrich Mrowietz, Leiter des Psoriasis-Zentrums an der Hautklinik des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein, Campus Kiel. Psoriasis wurde schon Ende  Mai in die Liste der nicht-ansteckenden Erkrankungen aufgenommen, die international einer größeren Anstrengung bedürfen, um ihre medizinische Versorgung zu verbessern. Damit hat die WHO Psoriasis auf eine Stufe mit chronischen Atemwegserkrankungen, Diabetes, Herz-Kreislauferkrankungen und Krebs gestellt.

Diese Entscheidung, so Mrowietz, habe weitreichende Konsequenzen. „Die Mitgliedsländer der WHO wie Deutschland sind nun verpflichtet, den Beschluss umzusetzen“, betont der Kieler Hautarzt. In diesem wird unter anderem gefordert, den Zugang der Patienten zu einer adäquaten Behandlung zu verbessern sowie die öffentliche Aufmerksamkeit gegenüber der Erkrankung zu erhöhen und der Stigmatisierung Betroffener entgegenzuwirken.

Doch dieser Sichtweise der Veranstalter des bundessdeutschen Welt-Psoriasistages widerspricht das Bundesgesundheitsministerium nachdrücklich: Die Bundesrepublik habe dem Resolutionstext zwar zugestimmt. Darin forderten die Mitgliedsstaaten die WHO-Generaldirektorin auf, Maßnahmen zu ergreifen. „Eine Aufnahme  in den WHO-Aktionsplan oder durch die Mitgliedsstaaten selbst zu veranlassende Maßnahmen“ seien aber nicht beschlossen worden, heißt es in dem Antwortschreiben an die Spitzenverbände der deutschen Dermatologie. Sie hatten Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe zuvor schriftlich angeboten, ihn bei der Umsetzung der WHO-Deklaration zu unterstützen.
Die Bundesregierung messe der Bekämpfung von nicht übertragbaren Krankheiten einen hohen Stellenwert bei, heißt es beschwichtigend in dem Schreiben eines nachrangigen Beamten aus dem Ministerium: „Nicht übertragbare Krankheiten sind, auch vor dem Hintergrund des demografischen Wandels, von besonderer gesundheitspolitischer Bedeutung. Dabei ist aufgrund gemeinsamer Risikofaktoren und dem häufigen Vorliegen von Multimorbidität ein krankheitsübergreifender Ansatz sinnvoll.“ Ein weiter gehender Handlungsbedarf wird nicht gesehen.

Der neu gewählte Vorsitzende des Deutschen Psoriasis Bundes (DPB) Ottfrid Hillmann, wies in der Pressekonferenz des deutschen Aktionsbündnisses zum Welt-Psoriasistag diese Stellungnahme zurück. Das Ministerium weise tendenziell den Psoriatikern selbst die Schuld für ihre Erkrankung zu. Tatsächlich spielen für die Entstehung der Erkrankung in vielen Fällen auch genetische Dispositionen eine entscheidnede Rolle, wie die Pressekonferenz deutlich machte.

Vor diesem Hintergrund  erhielt der diesjährige Appell des Aktionstages in Deutschland „Schuppenflechte? Trau Dich“ an die Betroffenen eine ungeahnt neue Bedeutung, sich angesichts der stigmatisierenden Haut- und Gelenkveränderungen nicht zu verkriechen.

Die Reaktion aus dem BMG erstaunte um so mehr, da Deutschland nach Ansicht von Prof. Matthias Augustin, dem Leiter des Competenzzentrums Versorgungsforschung in der Dermatologie (CVderm) an der Uni-Klinik Hamburg-Eppendorf und einem der Protagonisten des Welt-Psoriasistages „gut gerüstet ist, um auf den Beschluss der WHO-Generalversammlung reagieren zu können“, wie er in Berlin unterstrich. Dies habe man auch bereits Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe in dem vorausgehenden Schreiben signalisiert.

„In den vergangenen zehn Jahren hat die Fachgruppe erhebliche Vorleistungen erbracht, um die Versorgungslücken hierzulande zu schließen“, so Augustin. Dazu zählen vor allem eine weltweit beachtete S3-Leitlinie zur Behandlung der Psoriasis, die Umsetzung nationaler Versorgungsziele für den Zeitraum 2010-2015 sowie der Aufbau regionaler Psoriasisnetze. „Alle Maßnahmen wurden durch eine systematische Versorgungsforschung mit den notwendigen Fakten unterlegt und im Verlauf durch bundesweite Studien überprüft“, erklärt Augustin. Diese zeigten, dass sich die Qualität der dermatologischen Versorgung von Psoriasis nachhaltig verbessert habe und die Versorgungsziele zunehmend erreicht würden.

Trotz der inzwischen messbaren Erfolge sieht Augustin aber nach wie vor Verbesserungsbedarf bei der Versorgung der rund zwei Millionen Psoriasis-Erkrankten in Deutschland. „Ein beträchtlicher Teil der Patienten erhält noch immer nicht die verfügbaren und nach Leitlinie notwendigen Medikamente und das trotz eines hohen Leidensdrucks“, erläutert der Versorgungsforscher. „Die Leitlinienstandards sind außerhalb der Dermatologenschaft noch zu wenig bekannt, die moderne Behandlung wird zudem immer komplexer.“

Um die noch bestehenden Versorgungslücken zu schließen, ist nach Ansicht von Hautarzt Dr. Ralph von Kiedrowski, Vorstandsmitglied des Berufsverbandes der Deutschen Dermatologen, ein noch engerer fachlicher Austausch sinnvoll, wie ihn die Plattform PsoNet bietet. Unter ihrem Dach haben sich 25 regionale Psoriasisnetze gegründet, denen Praxen, aber auch Kliniken angehören. „Netzwerk-Praxen verpflichten sich ausdrücklich, eine Psoriasis-Therapie auf dem Stand der S3-Leitlinie anzubieten und sich an qualitätsverbessernden Maßnahmen wie Studien der Versorgungsforschung und dem Deutschen Psoriasisregister PsoBest zu beteiligen“, erläutert von Kiedrowski.

Damit erhielten Patienten in Netz-Praxen eine qualitativ hochwertige, frühzeitige und leitliniengerechte Versorgung ihrer chronischen Erkrankung. „Außerdem werden Begleiterkrankungen der Psoriasis innerhalb des Netzes rechtzeitig erkannt und behandelt, gleichzeitig aber auch Doppeluntersuchungen vermieden und eine höherer Therapiesicherheit erzielt“, so der in Selters niedergelassene Hautarzt.

Alle drei Experten sehen nach dem WHO-Beschluss und den weitreichenden Vorleistungen der Dermatologen den Ball nun bei Politik und Selbstverwaltung. Sie erwarten eine konstruktive Kooperation und eine rasche Umsetzung der von der WHO auferlegten Aufgaben.

Der Welt-Psoriasistag wird in Deutschland gemeinsam getragen vom Deutschen Psoriasis Bund e. V., dem Berufsverband der Deutschen Dermatologen (BVDD), dem bundesweiten PsoNet und der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft (DDG).