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Abwarten oder mitmachen? Neue Medien für die Hautarztpraxis

Bei dem Workshop in Moers gab es neben praxisbezogenen Tipps und Hinweisen zum Einsatz neuer Medien im Arbeitsalltag auch Hintergrundinformationen zu aktullen Entwicklungen in der Telemedizin.

 

MOERS – Videosprechstunde, Online-Terminvergabe, Telekonsil, Aufhebung des Fernbehandlungsverbots auf Probe: Alle reden von Telemedizin und ihren Chancen für die Praxis – doch wo findet sie statt? Welche Erfahrungen gibt es? Was leisten die neuen Medien im Praxisalltag? Ein erster, von Celgene unterstützter Medien-Workshop des BVDD gab Antwort.

„Neue Medien in der Praxis eine Chance für die moderne Psoriasisversorgung!?“ Für Dr. Ralph von Kiedrowski ist das Fragezeichen hinter dem Veranstaltungstitel fehl am Platze. Neue Medien vereinfachen das Management der Schuppenflechtebehandlung, so sein Statement. Das fängt schon bei der Terminvereinbarung an. Über die Online-Vergabe von Samedi bietet v. Kiedrowski  Schuppenflechtekranken eine Spezialsprechstunde an. Auf der Praxis-Website – der „Visitenkarte“ der Westerwälder Dermatologischen Spezialpraxis – gibt es umfangreiche Vorinformationen zur Vorbereitung des Erstkontakts bis hin zu einem Patientenfragebogen, der die Anamnese unterstützt.  

Die Nutzer können Online Patienteninformationen downloaden. In der vollelektronischen Patientenakte werden sämtliche Voruntersuchungen und auswärtigen Befunde erfasst. Zuweisende Hausärzte erhalten in einem geschlossenen Benutzeraccount Zugang zu den Laborbefunden ihrer Patienten.

Kiedrowski hat darüber hinaus einige Youtube-Filme mit wichtigen Patienteninformationen rund um die Psoriais eingebunden, etwa zum Behandlungsverlauf oder zur Komorbidität bei Psoriasis, auf die zu achten ist. Das erspart die ein oder andere ärztliche Unterweisung.

Angemeldete Mitglieder können den Beitrag >>hier abrufen.

Dr. Ralph von Kiedrowski setzt neue Medien
und telemedizinische Anwendungen ein, um
die Kommunikation in der medizinischen
Versorgung seiner Patienten zu verbessern.

Per Link erhält der Psoriasispatient bei Bedarf weitergehende Unterstützung und Zugang zu Patientenedukationsprogrammen wie dem „Wegbegleiter “ des Biologika-Anbieters Janssen. Darüber hinaus erhalten von Kiedrowskis Patienten gelegentlich auch Hinweise auf brauchbare Apps, die helfen können, den Informationsbedarf zu stillen oder auch gelegentliche Anpassungsschwierigkeiten unter der Therapie besser in den Griff zu bekommen. 

 

Dr. Johannes – der Youtube-Doktor

„Youtube-Arzt“ Dr. Johannes Wimmer präsentierte sich auf dem Workshop als leibhaftiges Vorbild. Der Hamburger Allgemeinmediziner demonstrierte an beispielhaften Filmen aus eigener Produktion, wie er medizinische Sachverhalte mit Witz und Fachverstand einem breiten Publikum näherbringt. 

Wimmers Fangemeinde im Internet geht in die Zehntausende. Seine seit 2013 produzierten mehrere hundert Filme wurden weltweit über eine Millionen mal abgerufen. Klare Botschaft an die Teilnehmer: diesen innovativen Kanal könnt ihr auch nutzen! 

Im übrigen gilt das von Kiedrowski für die ambulante Versorgung Gesagte nach Wimmers Einschätzung auch in klinischen Strukturen: Auch in der stationären Versorgung können Abläufe optimiert und Zeit eingespart werden, wenn die technischen Möglichkeiten der vernetzten Kommunikation über das internet eingesetzt werden.

 

Die Infrastruktur kommt – langsam

Die beiden positiven Berichte aus dem Praxisalltag stehen in einem deutlichen Gegensatz zur hinhaltenden Passivität, mit der Mediziner in Deutschland den gesetzlich vorgeschriebenen Aufbau einer Telematik-Infrastruktur über sich ergehen lassen. Für Sie hatte Claudia Pintaric, IT-Abteilungsleiterin bei der KV Nordrhein die vermeintlich gute Botschaft: wegen anhaltender Schwierigkeiten die erforderliche Hardware rechtzeitig bereit zu stellen, wurde die Deadline für den Online-Rollout noch einmal – jetzt bis zum 31. Dezember 2018 – weiter nach hinten verschoben. Und selbst der für Juli 2017 angekündigte Abgleich der Versichertenstammdaten hinkt zum Jahresende 2017 noch dem Zeitplan hinterher. 

Neue Medien und Telemedizin sind zentrale Arbeitsfelder des BVDD-Vorstands. BVDD-Präsident Dr. Klaus Strömer moderierte persönlich den Workshop. Claudia Pintaric von der KV Nordrhein informierte über die neuesten Stand bei der Einführung der Telematix-Infrastruktur.

Für die Weiterentwicklung telemedizinischer Anwendungen bedeutsam sind die Verfügbarkeit von Patientenakten und die sektorenübergreifende Vernetzung, die mit dieser neuen Infrastruktur Wirklichkeit werden. Zukunftsmusik, die ab 2019 Wirklichkeit werden soll, wie Pintaric verdeutlichte. Darauf aufbauend erwartet die IT-Spezialistin  zahlreiche neue Anwendungen.

 

Telemedizinische Anwendungen

Zur Zeit noch erscheint selbst die Implementierung der Videosprechstunde in die Regelversorgung angesichts der unzureichenden Dotierung kläglich gescheitert.  Nach internen Informationen aus einer Reihe von KVn wurde im 3. Quartal 2017 nicht eine einzige Videokonsultation als GKV-Leistung abgerechnet. Doch diese Momentaufnahme könnte sich schon bald ändern – wenn auch nicht für Kassenpatienten. Wie BVDD-Präsident Dr. Klaus Strömer betonte, laufen bereits aussichtsreiche Verhandlungen mit dem Spitzenverband der privaten Krankenversicherer, die schon in nächster Zeit zu einem neuen Vertrag führen könnten, um ein attraktives telemedizinisches Zusatzangebot für Privatpatienten zu ermöglichen. Und bei jeder neuen Ausschreibung zum Innovationsfonds der Gesetzlichen Krankenversicherung konkurrieren telemedizinische Projekte aus der Dermatologie mit Projekten anderer Fachgruppen um Fördermittel. Was beweist: die Einführung einer neuen EBM-Ziffer war längst nicht das Ende der telemedizinischen Versorgung

Gleichzeitig werden bestehende Angebote stetig weiterentwickelt, wie Online-Terminvergabeanbieter Samedi und „Patientus“ am Beispiel der eigenen telemedizinischen Videosprechstunde auf dem Workshop verdeutlichten. So können Arzt und Patient jetzt via Videosprechstunde Dokumente miteinander austauschen, in dem sie den Bildschirm wechselseitig teilen. Wichtiger noch: die starre Bindung an einen stationären Rechner fällt. Im kommenden Jahr gibt es neu die Patientus-App, die frei skalierbar auch via Smartphone, Tablett oder Laptop läuft. Mit 75% weniger Ausfällen – im Vergleich zur telefonischen Terminvergabe – bei 100-prozentiger Datensicherheit warb Prof. Alexander Alscher bei den Teilnehmern des Medien-Workshops für das Samedi-Konzept der Terminvergabe online im Internet – und begegnete zugleich der Sorge, die vermeintliche Anonymität des Internets, könne massenhaft mißbraucht werden.

 

Spielregeln für die Telemedizin

Angesichts der Dynamik der telemedizinischen Entwicklung, die via Internet weltweit vorangetrieben wird, stellt sich verschärft die Frage nach den technischen und medizinischen Standards. Hier ist die Dermatologie mit ihrer sogenannten Tele-Guidance gut gerüstet, wie Prof. Matthias Augustin berichtete. Den normativen Rahmen setzt das Berufsrecht, das die „Fernbehandlung“ grundsätzlich verbietet. Die gemeinsam mit externem Sachverstand – aus der KBV, aus dem Bundesgesundheitsministerium und aus der beteiligten Industrie  –  entwickelte Richtlinie hebt darauf ab, dass bereits in Behandlung befindlichen Patienten die Möglichkeit eröffnet wird, in definierten Fällen sich auch online dem Arzt vorzustellen, etwa zur Verlaufskontrolle oder zur Nachsorge.

 

Fallstricke im Praxismarketing

Dann gab es noch – verabreicht von Dr. Ulrich Koch – für die Teilnehmer des Workshops eine kräftige Impfung gegen Pleiten, Pech und Pannen im Umgang mit neuen Medien. Um schlechten Arztbewertungen zu begegnen, empfahl der Krefelder Hautarzt beispielsweise, das Potenzial der schweigenden Mehrheit, die zufriedenen Patienten, zu nutzen. Retaxo heißt eine internetbasierte Anwendung, bei der auf der eigenen Homepage die in der  Praxis erhobenen Daten zur Patientenzufriedenheit aufbereitet und nutzbar gemacht werden. 

Und auch der Hinweis auf den rechtlichen Rahmen – das Heilmittelwerbegesetz und das Wettbewerbsrecht – durfte nicht fehlen: die Wirkweise von Therapien werbend darzustellen, ist beispielsweise erlaubt, nicht aber zu Werbezwecken „Angst machen“. Und verboten ist es, wie Koch weiter ausführte, als Arzt für das eigene gewerbliche Institut, seine Produkte und Dienstleistungen zu werben.

„Mitmachen oder abwarten? Als Pionier initiativ werden, Engagement und Zeit investieren oder zunächst einmal die weitere Entwicklung beobachten?“ Die Fragestellung aus der Einladung kann auch nach dem Medienworkshop jeder für sich beantworten. Die teilnehmenden Referenten lieferten eine Leistungsschau dessen, was heute bereits möglich ist. Sie haben sich jedenfalls schon entschieden.

BVDD-Mitglieder können hier nach erfolgreichem LogIn mit ihrer Nutzerkennung weiteres Material zum Thema "neue Medien" in der Hautarztpraxis anschauen und downloaden.

Dr. Ralph v. Kiedrowski: Neue Medien – eine Chance für die Psoriasisversorgung im Praxis--